Tobias Altehenger: Der Adel schäumt

Zum Text „Harte Bretter – Die Rocky Horror Hitzlsperger Show“ (FAZ)

Auch wenn ich mir einst geschworen hatte, die Lektüre von Texten spätestens dann unverzüglich abzubrechen, wenn jemand die Formulierung vom „deutschen Michel“ ohne Anführungszeichen verwendet (und damit anscheinend nicht als Insignie zur Kennzeichnung der Mittelmäßigkeit, sondern in dem Glauben, dass hier ein stilistischer Kunstgriff gelungen sei); den Kommentar aus der Donnerstagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich zu Ende gelesen.

Er verdient keine Antwort, er bekommt sie dennoch.

 

Es ist Mittwochmittag, der 8. Januar, als Jasper von Altenbockum die freischwingende Treppe aus dem Westflügel herunterkommt. Sein Morgenmantel ist aus Samt, seine Frau schon beim Yoga. Vorher hat sie die drei Kinder zur Freien Christlichen Schule nach Fechenheim gefahren.

Sein Protegé Niclas, Student der Medienkulturwissenschaften, 21, blond, mit hübscher Unbekümmertheit und den wohl unvermeidlichen Lachgrübchen, reicht ihm die aktuellen Agenturmeldungen auf einem Silbertablett nach oben. Niclas ist größer als sein Chef, allerdings verweilt Jasper von Altenbockum stets auf der untersten Stufe der Treppe, um wie üblich über den Dingen, vor allem aber über seinem Zögling zu stehen.

Normalerweise lässt er Niclas dann seine Texte schreiben – das kann der Junge inzwischen schon richtig gut! Kommentare wie „Quote geht vor“ oder „Babybrei aus dem Hause Schwesig“ sorgen auf den Fluren der FAZ-Redaktion regelmäßig für Jubelstürme.

Nichtsdestoweniger: Den letzten Feinschliff verpasst Jasper von Altenbockum seinen Texten immer noch selbst, wobei er Sätze sagt wie: „Sieh, Niclas, Bub, hier kannst du noch was lernen“. Wichtig für die Texte sind – das ist im Hinblick auf den zuvor erwähnten Zipfelmützenträger im wahrsten Wortsinn bemerkenswert – stets viele Anführungszeichen. In der letzten Produktionsphase entstehen dann Sätze wie: Für die „Guten“ wurde der Begriff „Nichtregierungs­organisation“ erfunden, zum Beispiel für „Transparency International“. Außerdem muss auch dem dümmsten Leser klargemacht werden, dass man es beim Autor (wie viel Prozent des Textes er auch immer beigesteuert haben mag) nicht mit Irgendwem, sondern mit einem Vertreter des deutschen Hochadels zu tun hat. Deswegen ist in dem zitierten Text – in dem es übrigens darum geht, dass die gesamte Aufregung um den geplanten Wechsel von Ronald Pofalla zur Deutschen Bahn „künstlich“ sein dürfte – auch von Kohlebaronen und  Sachsenkönig Friedrich August III. die Rede.

Heute aber ist vieles anders. Die Medienlandschaft ist in Aufruhr, mit Thomas Hitzlsperger hat sich der erste deutsche Nationalspieler als homosexuell geoutet (und wohlgemerkt, wie auch seriösere Medienmenschen als Jasper von Altenbockum geschrieben haben, nicht zu seiner Homosexualität „bekannt“). Die Reaktionen sind überwältigend. „Twitter“, ein Medium, das sich Jasper von Altenbockum immer mal wieder von Niclas erklären lassen muss, schäumt über von Respektsbekundungen und Gratulationen, die Sport-, Medien- und Politikwelt schließt sich an. Nun schäumt es auch bei ihm. Er spürt, hier kann Niclas nichts mehr tun. Er muss selbst in die Bresche springen. Schnell noch ein Kakao mit Cointreau, und dann geht’s an den Rechner.

Schwule sind schrill. Tragen Lederhosen, die das Gesäß hinten aussparen. Kreischen. Und wollen jetzt auch noch im Schulunterricht Erwähnung finden. Da hört für Jasper von Altenbockum der Spaß aber sowas von auf. Er öffnet ein Word-Dokument. Wie hieß noch mal dieser Film, von dem er im Alter von 15 Jahren bei einem Schulfreund einmal zehn Minuten gesehen hatte, bevor er traumatisiert davon lief, zurück in das Wohnzimmer seiner Eltern in Schwäbisch Hall, sich unter den gekachelten  Couchtisch kauerte, weit weg von tanzenden Männern in Strapsen. Wie hieß dieser Film noch mal? Niclas soll das mal recherchieren. Und warum trägt der eigentlich nie Hosen, die das Gesäß aussparen?

Zwei weitere Kakaos mit Cointreau später ist der Kommentar fertig. Der Film hieß, das hat der brave Niclas herausgefunden, Rocky Horror Picture Show, und es gab darin einen Tanz, der im Film einen Zeitsprung initiierte, in Jaspers Studienzeit aber nur dazu diente, ihn blöde in der Ecke herumstehen zu lassen, während die Münsteraner Studenten fröhlich timewarpten. Als er sich anschließend frustriert zurückzog, um weiter an seiner Promotion über Wilhelm Heinrich Riehl zu arbeiten, einem Mann, der im 19. Jahrhundert die „Volkskunde“ geprägt und unter anderem argumentiert hatte, dass die Familie durch die wachsende Verstädterung zerstört würde und aus diesem Grunde zu Wald, Weide und Wasser zurückkehren müsse, da schwor sich Jasper von Altenbockum Rache: an allen Tänzern, an allen Schwulen, und an allen Leuten aus der „Schwulen- und Lesben-Lobby“ (in der Frage wer oder was damit nun gemeint sein soll, bin ich mit meinem Latein aber am Ende).

Jasper von Altenbockum teilt diesen Zustand – oder war nach dem ganzen Cointreau nicht mehr in der Lage, den Stowasser aus dem Regal zu holen und nachzusehen, welche Begriffe er eigentlich verwendet. Als er behauptet, „dass es ein Unterschied ist, ob Toleranz verlangt wird oder ob es um die blinde Anerkennung jedweden Interesses geht, das sie [also jene Lobby] als Akt der Gleichberechtigung einfordert“, scheint ihm nicht klar zu sein, dass tolerare dulden bedeutet. Homosexuelle Menschen (und natürlich auch alle anderen aus der Schwulen- und Lesben-Lobby) wollen. Aber. Nicht. Geduldet. Werden.

Von Jasper von Altenbockum nicht, und von allen anderen aus der konservativen Rechtsspießer-Lobby auch nicht. Als er den letzten Satz tippt, und sich leicht benebelt fragt, warum Niclas eigentlich schon wieder so wenig anhat, scheint eine Prise Bedauern mitzuschwingen: Es sollte nicht so weit kommen, schreibt er, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

Nein, so weit sollte es sicher nicht kommen. Aber es wäre ja schon mal ein Anfang.

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